Die Pandemie ist für viele Menschen eine emotionale Herausforderung geworden. Nicht selten waren Einschränkungen im Alltag und soziale Isolation sogar Auslöser für psychische Erkrankungen. Doch Therapieplätze sind leider Mangelware. Können dann Apps aus der negativen Stimmungs-Spirale heraushelfen? Ja, sie können. Aber es gibt auch ernste Gefahren. Was Sie wissen sollten: Hier unser Überblick.

Disclaimer: Wir sind kein psychologisch geschultes Fachpersonal und möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir hier keinerlei medizinische Empfehlungen geben. Am Ende des Beitrages stellen wir verschiedene Nummern, Links und Kontaktmöglichkeiten bereit, die Hilfesuchenden vielleicht von Nutzen sein können.

Echte Hilfe: Die Therapiebegleiter

Die Frage, ob Apps bei der Bewältigung von psychologischen Notsituationen und mentalen Erkrankungen helfen können, ist eigentlich schon beantwortet. Die Anwendungen, welche wir weiter unten vorstellen, wurden von Psychologen und Medizinern mitentwickelt und sind bereits ausgiebig in Projekten und klinischen Studien getestet worden.

Die Programme können Therapien und ärztliche Behandlungen natürlich auf keinen Fall ersetzen. Jedoch sind Therapieplätze leider immer rar gesät und Patienten müssen oft lange warten, bis ein Platz für sie frei wird. An dieser Stelle kommen immer häufiger diese therapiebegleitenden Apps zum Einsatz. Als Überbrückungshilfe, aber auch als Begleitung für bereits eingeleitete Therapien.

Auf Rezept, mit Zertifikat

Das Kriterium, welches die Spreu vom Weizen trennt lautet Zertifizierung. Die digitalen Angebote, die in Therapien zum Einsatz kommen, sind für gewöhnlich CE-gekennzeichnete Medizinprodukte (PDF) oder werden nach dem Medizinproduktgesetz (MPG) hergestellt. Sie haben somit den gleichen Rang wie Medikamente oder medizinische Geräte.

Therapeutin hört Patientin zu
Keine Alleingänge: Kein noch so gutes digitales Angebot kann den Therapeuten ersetzen. Der Weg zu den Apps sollte zwingend über einen Arzt oder Psychologen führen.

Deshalb sind sie auch nicht gratis und können für gewöhnlich gar nicht rezeptfrei erworben werden. Dank der Zertifizierung und zahlreicher Studien übernehmen mittlerweile jedoch fast alle Krankenkassen die Kosten für die digitalen Therapiebegleiter.

Therapie-Content: Was bekommt man?

Die Inhalte der Apps sind breit gefächert und durchlaufen häufig mehrwöchige Programme. Entspannungsübungen, (Selbst)Entdeckungsreisen, tägliche Aufgaben: Die Arbeitsprogramme orientieren sich dabei oft an Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Kurz gesagt bedeutet das: Selbstbeobachtung schulen, um besser an sich selbst arbeiten zu können.

Die meisten Programme sehen auch Rückmeldungen und Erfolgskontrollen vor, beispielsweise durch Videogespräche mit Psychologen. Die digitalen Angebote werden also in der Regel nicht ohne ärztliche Supervision angewendet.

Keine Alleingänge

Alle Anbieter legen auf die eine oder andere Weise nahe, zunächst ein Beratungsgespräch zu vereinbaren oder zumindest einen einfachen Selbsttest zu absolvieren. Das ist nicht nur löblich, sondern auch nötig. Denn mit diesen Apps gibt es keine Alleingänge.

Der Weg zur digitalen Therapiebegleitung führt über Rezepte vom Hausarzt oder dem Psychotherapeuten, welche man bei der Krankenkasse einreicht. Dort erhält man dann einen Freischaltungs-Code, mit dem die App gestartet werden kann. Für Privatpatienten bieten die Betreiber der Programme meist Diagnoseformulare an, die vom behandelnden Arzt oder Therapeuten ausgefüllt und dann bei der Krankenkasse eingereicht werden.

Alle weiteren Informationen gibt es bei den Anbietern selbst. Hier eine Auswahl der prominentesten Anbieter dieser Apps:

deprexis (Depressionen)

Selfapy (Depressionen, Angst- und Panikstörungen)

Invirto (Angststörungen)

Novego (Depressionen, Angststörungen, Burnout, Stressbewältigung, Prävention)

MindDoc (Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Zwangsstörungen)

GetOn (Depressionen, Angst- und Panikstörungen, Stress, Sucht, Ernährung)

Trigger-Warnung: Im folgenden Absatz geht es um Gefahren bei der Nutzung von Psychologie-Apps. Wenn es Ihnen gerade nicht gut geht, sollten Sie diesen Abschnitt vielleicht überspringen. Klicken Sie einfach >>hier<<, um direkt zum übernächsten Abschnitt zu springen.

Finger weg: Die falschen Freunde

Vergessen wir nicht, dass Apps zwar clevere Instrumente sein können, in den allermeisten Fällen aber schlicht Plattformen für die Platzierung von Werbung sind, die zudem gerne persönliche Daten sammeln. Vor diesem Hintergrund ist das ganze Feld mentaler Gesundheit, psychischer Erkrankungen und psychologischer Beratung nur ein weiterer Köder, Menschen irgendwelche Apps anzudrehen. Klartext: Quantitativ gesehen wollen die meisten Psychologie- und Mental-Health-Apps nicht helfen, sondern nur Daten sammeln – wenn nicht sogar Schlimmeres.

So betrachtet wird dann auch schnell klar, wo die Gefahren liegen. App-Stores sind in 99,9 Prozent der Fälle nicht der Ort, wo man echte und wichtige Hilfe findet. Im Gegenteil. Die Recherche, die die Reporterin von Funk in dem Video (s.u.) angestellt hat, haben wir ansatzweise auch probiert – mit ähnlichen Ergebnissen: Was sogenannte Psychologie-Apps offerieren, sind banale Diagnose-Spielchen, Foren für illegale Medikamentenbeschaffung, nicht moderierte Suizid-Chats und es lauert sogar die Gefahr, nach Nacktfotos gefragt zu werden.

Diese Gefahren sind akuter, als man denkt. Auch für Freunde, Verwandte und Bekannte von potentiell Gefährdeten gilt daher: Wer helfen kann oder Suspektes wittert, sollte hier auf jeden Fall helfend eingreifen.

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Die freien Glücklichmacher

Zwischen den Angeboten, welche ausdrücklich als Medizinprodukte eingestuft werden, und den gerade beschriebenen, gefährlichen, toxischen Angeboten, gibt es auch noch eine weitere, harmlose Kategorie. Diese Apps geben vor, auch auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden zu basieren. Hier geht es jedoch eher darum, sich geistig und emotional zu sortieren oder besser mit Druck und Stress umzugehen. Die Adressaten finden sich eher unter den beruflich gestressten Selbstoptimierern.

Ob die beschworenen Ziele wirklich mit einem Do-it-yourself-Programm erreicht werden können, lassen wir mal dahingestellt. Die wissenschaftlichen Referenzen erscheinen oftmals wenig solide und sind nicht mit den Studien der medizinischen Apps vergleichbar. Die Testimonials lesen sich wie von einem Redakteur verfasst. Und beim Testen waren wir von den aufwändigen Registrierungsprozessen und der Datensammelwut der Apps so genervt, dass wir die Tests abgebrochen haben. Wer sich trotzdem einmal informieren möchte, >>hier<< gibt’s eine Übersicht.

Fazit

Es steht außer Frage, dass Apps bei der Behandlung mentaler Erkrankungen helfen können. Wo und ob die Programme jedoch ihren Einsatz finden sollen, muss ein Arzt oder Psychologe bestimmen. Aber es lauert natürlich auch immer die Gefahr, auf irgendeinen Nepp aus den App-Stores oder einer vermeintlich kompetenten Website hereinzufallen. Deshalb möchten wir zum Abschluss noch ein paar fundamentale Tipps für den Umgang mit digitalen (Hilfs-)Angeboten geben:

  • Vorsicht vor beliebigen Empfehlungen und Suchergebnissen. Nicht einfach mit einer Suche in App-Stores anfangen und auf keinen Fall auf die dortigen Bewertungen verlassen. Auch TikTok, Facebook und Instagram sind weder gute Recherche-Quellen, noch Orte vertrauenswürdiger Empfehlungen.
  • Finger weg von anonymer Pauschalberatung. Die Frage „Habe ich eine Depression?“ bei Google einzugeben, wenn ich mich wirklich schlecht fühle, ist ein fataler Fehler. Irgendwelche zufälligen Fragebögen zu nutzen, führt ebenso eher zu gefährlichen Fehldiagnosen oder nichtssagenden Empfehlungen. Für akute Bedarfe haben wir unten Nummern und Links aufgeschrieben. Der nächste Schritt sollte danach zum Arzt oder Psychologen führen – nicht in den App-Store.
  • Online-Recherche ist ok, braucht aber ein kritisches Auge. Immer schauen, ob die Angebote eine ordentliche Website haben, auf welcher sich genau verfolgen lässt, wer die Apps anbietet. Auch prüfen, ob vielleicht sogar wissenschaftliche oder medizinische Institutionen bei der Entwicklung beteiligt waren und dann ebenso diese Stellen googeln, um eine Bestätigung für die Informationen und Behauptungen zu finden. Ob diese Angebote valide und seriös sind, lässt sich schlussendlich auch bei der eigenen Krankenkasse erfragen.
  • Wer sich erst einmal über seriöse Angebote informieren möchte, sollte beim Arzt oder Psychologen/Psychotherapeuten des Vertrauens nachfragen. Auch Krankenkassen können heute dazu Auskunft geben oder haben sogar eigene Beratungsprogramme. Es ist jedoch möglich, dass einzelne Kassen Kooperationen mit bestimmten Anbietern haben. Darüber hinaus gibt es Verbände und Vereine wie beispielsweise die Deutsche Depressionsliga oder die Deutsche Depressions Hilfe, die hier konstruktive Hilfe leisten können.

Abschließend empfehlen wir noch dieses Video der wunderbaren Pia Kabitzsch, die als Psychologin und Wissenschaftsjournalistin den Kanal psychologeek betreibt und interessanten Content rund um das Thema Psychologie anbietet.

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>>Nummern und Links

Telefonseelsorge: 0800-1110111 oder 0800-1110222, rund um die Uhr, kostenfrei. Die Online-Telefonseelsorge bietet zudem die Möglichkeit, anonym über Probleme zu chatten.

Nummer gegen Kummer (Kinder und Jugendliche): 116 111, Hilfsangebot für Minderjährige, montags bis samstags von 14 Uhr bis 20 Uhr. Auch hier gibt es eine anonyme Onlineberatung. Unter 0800 111 0 550 gibt es auch ein Beratungsangebot für Eltern.

Muslimische Telefonseelsorge: 030 443 509 821, Hilfsangebot in Urdu, türkischer und arabischer Sprache.

Telefon Doweria: 030 440308 454, Hilfsangebot der Diakonie Berlin Brandenburg in russischer Sprache. Ebenfalls die Möglichkeit eines Chats.

International Helplines: Für andere sprachliche Bedarfe bietet die Telefonseelsorge eine Liste der seelsorgerischen Angebote im Ausland (im unteren Teil der verlinkten Seite), also beispielsweise die Telefonseelsorge in Finnland, Italien, Thailand, Ukraine und vielen anderen Ländern.

Notruf: Bei akuter suizidaler Gefährdung kann immer auch die Notrufnummer 112 gewählt werden. Ebenfalls steht der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 zur Verfügung. Letztere sind zwar durch Corona-Servicefragen oftmals überlastet, sollten hier aber auch weiterhelfen können.

Artikelbild: Gilles Lambert / Unsplash

Inlinebild: Alex Green / Pexels

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