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Facebook und Cambridge Analytica – Ihr Reiseführer durch den Datenskandal-Sumpf

Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten. Im Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica gibt es viele Beziehungen, Namen und Unternehmen. Facebook fühlen sich hintergangen; die Beteiligten geben vor, nichts Unrechtes getan zu haben; viele bezeichnen sich als Opfer und geben vor, nichts habe mit irgendwas zu tun. Die Ermittlungen laufen noch. Wir haben jedoch das Wichtigste, was bisher bekannt ist, aufgedröselt. Damit können Sie zumindest Namen und Unternehmen, die in den Meldungen auftauchen, einordnen. Gute Unterhaltung.

Cambridge Analytica – Eine große Verschwörung?

Was den ganzen Komplex, und speziell Cambridge Analytica, so dubios macht: Die Beziehungen und Ereignisse um viele Personen und Firmen, die eine Rolle spielen, passen wie Puzzleteilchen ineinander. Sie passen so gut, dass es schwer ist, nicht von einer groß angelegten Konspiration auszugehen. Dabei macht Facebook nicht durch eine aktive Beteiligung eine schlechte Figur. Es ist eher eine Art Passivität und inkonsequentes Handeln, die Cambridge Analytica wohl gelegen kamen.

Aber eins nach dem anderen. Um die Ereignisse und Aktionen besser einordnen zu können, stellen wir zunächst die wichtigsten Protagonisten im aktuellen Datenskandal vor und arbeiten die Geschehnisse danach chronologisch ab.

Cambridge Analytica (CA) – Mercer, Bannon und Nix

Alexander Nix Datenskandal

Alexander Nix. Quelle: Web Summit (CC BY 2.0)

Obwohl sich der Hauptsitz von Cambridge Analytica (CA) in London befindet, wurde das Unternehmen am 31.Dezember 2013, als hundertprozentige Tochter der SCL Group, in Delaware (US) gegründet. SCL, ein britisches Institut für Verhaltensforschung und strategische Kommunikation, wurde bereits 2012 auf dem US-Markt aktiv. Es versuchte, über kleinere Kampagnen (Gouverneurswahlen, Kongresswahlen, etc.) auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Das Unternehmen gibt an, sich auf strategische Kommunikation auf Basis psychometrischer Analysen spezialisiert zu haben. CA selbst haben, nach aktuellem Kenntnisstand, keine Daten bei Facebook abgegriffen. Für diese Aufgabe war GSR vorgesehen (s.u.).

Als Hauptinvestoren CAs werden Robert und Rebekah Mercer genannt, die wir bereits als Miteigentümer des rechten Nachrichtenportals Breitbart News kennen. Passend dazu wird Stephen Bannon, Mitgründer und ehemaliger Managing Director von Breitbart, ebenfalls als einer der Gründer und zeitweise Vizepräsident von CA genannt. Alexander Nix ist seit der Gründung CEO des Unternehmens, zur Zeit allerdings bis auf weiteres beurlaubt. Der ehemalige Finanzanalyst arbeitet seit 2003 für SCL. 2013 rekrutierte Nix, damals noch als Chef von SCL Elections, den späteren Whistleblower Christopher Wylie (s.u).

Global Science Research (GSR) – Aleksandr Kogan und Joseph Chancellor

Nach dem aktuellen Kenntnisstand ist GSR die einzige Firma, welche die Daten von Millionen von Facebook-Nutzern sammelte und Cambridge Analytica zur Verfügung stellte. Gegründet wurde GSR im Mai 2014 wohl nur, um ein offizielles Gewand für die Kooperation mit CA zu erstellen. Gründer des Unternehmens waren Alexandr Kogan und Joseph Chancellor. GSR wurde Ende Oktober 2017 wieder aufgelöst.

Kogan ist Neurowissenschaftler, welcher in Cambridge als Assistenzprofessor für Psychologie und Psychometrik doziert. Wichtige Randnotiz: Die Universität von Cambridge hat ihn, entgegen anderslautenden Meldungen, nicht des Campus verwiesen. Eine ausführliche Stellungnahme gibt es >> hier. Kogan entwickelte die App, mit welcher es möglich war, so viele Nutzerdaten abzusaugen (s.u.). Joseph Chancellor verließ GSR bereits 2015 wieder, um kurze Zeit später bei Facebook im Bereich quantitativer sozio-psychologischer Forschung zu beginnen.

Der Whistleblower – Christopher Wylie

Aus offiziellen Quellen ist nur bekannt, dass Wylie im August 2013 bei SCL Elections anfing und das Unternehmen im Juli 2014 bereits wieder verließ. Wenige Monate später leitete CA rechtliche Schritte wegen Vertragsbruchs und Diebstahl geistigen Eigentums ein. Im August 2015 erklärte Wylie dann schriftlich, dass er keinerlei Daten oder Dokumente von CA mehr besitze.

Seinen eigenen Beschreibungen nach, arbeitete er nicht nur direkt für Stephen Bannon, er entwickelte das Software-Tool, welches die Idee der Gründung CAs erst aufkommen ließ. Als Wylie, mit damals 24 Jahren, Bannon erstmals in London traf, arbeitete er an einem Programm, welches auf Basis von Big Data-Analysen Vorhersagen für Mode-Trends treffen sollte. Die Idee dieses Tools soll letztlich die Initialzündung gewesen sein, ein Unternehmen für die Analyse von großen Datenmengen und Social Media zu gründen – Cambridge Analytica. Kurze Zeit später entwickelte Wylie die Software, welche er farbenfroh als “Bannon’s psychological warfare mindfuck tool” bezeichnet.

Michal Kosinski und David Stillwell

Der Vollständigkeit halber muss noch erwähnt werden, dass weder Kogan noch Wylie Kredit für die psychometrischen Methoden gebührt. Angefangen hat alles mit einer Studie der Cambridge-Psychologen Michal Kosinski und David Stillwell (hier), welche durch Likes von Facebook-Nutzern Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der User trafen. Kosinski entwickelte hierfür auch einen Persönlichkeitstest in Form einer App, auf welcher Kogans App später aufbaute. Zur Erinnerung: Michal Kosinski war auch der Wissenschaftler, durch dessen Interview im Dezember 2016 mit der schweizer Zeitschrift Das Magazin eine hysterische Debatte über psychometrische Methoden und die Privatsphäre in sozialen Netzwerken angestoßen wurde.

Wer mit wem und wann

Nachdem wir nun die Hauptakteure der Geschichte kurz vorgestellt haben, schauen wir uns die Timeline der Ereignisse an. Diese chronologische Aufarbeitung ist weder lückenlos, noch enthält sie alle Details zum Datenskandal. Aber sie kann ein Grundverständnis vermitteln, wie die größeren Puzzleteile zusammenpassen.

Timeline

  • 5/2013 – Christopher Wylie wird durch einen Kontakt der demokratischen Partei SCL vorgestellt.
  • 8/2013 – Alexander Nix rekrutiert Wylie für SCL Elections, mit dem Angebot: “We’ll give you total freedom. Experiment. Come and test out all your crazy ideas.”
  • Herbst/2013 – Wylie trifft Bannon zum ersten Mal. Bannon stellt den Kontakt zu Mercer her. Wylie und Nix treffen die Mercers, Robert and Rebekah, welche danach ein Projekt mit SCL zur psychografischen Wähler-Analyse finanzieren.
  • 12/2013 – CA wird gegründet.
  • 5/2014 – SCL und Alexandr Kogan einigen sich auf eine Kooperation, in welcher Kogans GSR Daten von 50 Mio. Nutzern sammelte.
  • 7/2014 – Laut CAs Informationen, verlässt Wylie SCL bereits im Juli. Laut Mediums Recherchen ging dem eine Bitte von Nix an Wylie voraus, eine Präsentation für den russischen Ölkonzern Lukoil vorzubereiten.
  • 7/2014 – CA werden von dem Juristen Laurence Levy darüber aufgeklärt, dass die Datenanalysen aller Wahrscheinlichkeit nach gegen das US-Wahlrecht, hinsichtlich ausländischer Einflußnahme, verstoße.
  • 10/2015 – CA werden von Leave.EU beauftragt, für die Brexit-Kampagne zu arbeiten.
  • 12/201 – Nachdem der Guardian aufdeckt, dass GSRs Datensammlung vermutlich gegen Facebooks Terms of Service verstoße, fordert Facebook GSR und CA auf, alle gesammelten Daten zu löschen.
  • 6/2016 – Nachdem CA Ted Cruz half, Donald Trump in der Iowa-Primary zu schlagen, engagiert Trump CA für seine Kampagne.
  • 7 bis 11/2016 – GSR fordert von CA eine Bestätigung, dass alle Daten gelöscht wurden. CA verklagt darauf hin GSR wegen der versuchten Lizensierung illegal erworbener Daten. Im November einigen sich die ehemaligen Kooperanten.
  • 11/2016 – Trump gewinnt die Präsidentschaftswahlen.
  • Ab 03/2017 – CA führt interne Audits durch und versichert im Anschluss gegenüber Facebook, keine GSR-Daten mehr zu besitzen. Ab jetzt schaltet sich auch das britische Information Commissioner’s Office (ICO), die britische Datenschutzbehörde, ein. Ihr primäres Interesse gilt hierbei CAs Rolle in der Brexit-Kampagne.
  • 3/2018 – Der Guardian und die New York Times veröffentlichen Informationen Chrisopher Wylies, welche auch die US-Behörden auf den Plan rufen und den aktuellen Skandal auslösen.

Facebook und der offene Graph

Der chronologische Grundriss verdeutlicht, dass die Hauptzeit der dubiosen Machenschaften zwischen Ende 2013 und Mitte 2015 liegt. Dies hat auch mit dem Open Graph zu tun, wie wir gleich sehen werden. Auch war CA bereits vor den Präsidentschaftswahlen bekannt, dass ihre Methoden sowohl gegen Bestimmungen von Facebook als auch des Wahlrechts verstoßen.

Gerade für die Themen Social Media und Digital Marketing dürfte jetzt aber von Interesse sein, wie dies technisch möglich gewesen ist. Und an dieser Stelle wird deutlich, dass es recht amüsant ist, wenn sich Facebook als Opfer stilisieren. Auch hier soll eine chronologische Aufarbeitung helfen, die noch weit vor den Ereignissen beginnt. Buzzfeed haben hier eine schöne Auflistung bereitgestellt.

Timeline

  • 4/2010 – Facebook öffnet sein Social Graph API für Apps von Drittanbietern. Problematisch ist nicht nur, dass dabei Unmengen an persönlichen Daten der Nutzer und ihrer Freunde ausgelesen werden können. Mit einer Sondererlaubnis kann sogar Einsicht in private Nachrichten einzelner Nutzer gewährt werden. Mark Zuckerberg reagierte mit einem Standard-Move auf Kritik und versprach, die Privacy Policies zu überarbeiten und den Nutzern weitere Einstellungen ihrer Privatssphäre zu ermöglichen.
  • 8/2012 – Fast schon in Vergessenheit geraten, zeigten TechChrunch zwei Jahre später, wie missverständlich, kompliziert und versteckt diese erweiterten Möglichkeiten für Nutzer umgesetzt wurden. Keine Benutzerfreundlichkeit, sondern ein klassischer dark pattern.
  • 2013 – Aleksandr Kogan heuerte über Amazons Crowdsourcing-Plattform Mechanical Turk 270.000 Personen für die Teilnahme an einem Personality-Quiz an. Die Teilnehmer mussten hierfür ihren privaten Facebook-Account nutzen. Aufgrund der offenherzigen Architektur von Facebooks Open Graph API, war es möglich, nicht nur diese 270.000 Teilnehmer datentechnisch leer zu saugen. Auch zigmillionen Freunde der Partizipanten wurden ohne ihr Wissen dabei ausgelesen. An dieser Stelle wird auch deutlich, dass es sich nicht um ein Datenleck oder um gehackte Daten handelt. All das waren genau die Möglichkeiten, die Facebook 2010 mit der Öffnung des Open Graph einräumte und bis zu diesem Zeitpunkt, wider besseren Wissens, nicht unterbunden hat.
  • 5/2014 – Kogans Experiment störte Facebook nicht weiter, weil der Cambridge Dozent versicherte, das Quiz nur zu Forschungszwecken betrieben zu haben. Durch eine weitere unethische Handlung wurde jedoch bekannt, dass die sogenannte Forschungs Policy noch gar nicht existierte: Im Juni erklärten Facebook, dass sie mit ihren Nutzern experimentiert haben. Für diesen Feldversuch wurden Newsfeeds manipuliert, um zu sehen, ob Nutzer fröhlicher oder trauriger auf Veränderungen reagierten. Facebook entschuldigten sich nicht, sondern verwiesen nur auf ihre „Research Policy“, welcher jeder Nutzer mit dem Erstellen eines Accounts automatisch zustimme. Forbes fanden heraus, dass diese Policy jedoch erst mehrere Monate nach dem Menschenversuch hinzugefügt wurde.
  • 4/2015 – Auf der F8 2014 erklärte Facebook bereits, dass man aufgrund der sehr negativen Nutzerresonanz das Open Graph API stark einschränken wird. Im April schickten Facebook dann die Graph API v1 in Rente. Mit der Version 2 war es dann nicht mehr möglich, all diese Nutzerdaten auszulesen. Es wurde jedoch nichts unternommen, ehemals gesammelte Daten wieder zurückzurufen. Daher muss man davon ausgehen, dass sich auf unzähligen Firmen-Servern immer noch Massen an sehr detaillierten Facebook-Nutzerdaten befinden.
  • 12/2015 – Eine Recherche des Guardian legte offen, dass Kogan seine ab 2013 gesammelten Daten an die Londonder Zentrale von SCL verkaufte, welche zu diesem Zeitpunkt versuchte, über kleinere Wahlkampagnen (Gouverneurswahlen, Kongresswahlen, etc.) auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Aufmerksam wurden man seinerzeit, als der in den Vorwahlen erfolgreiche Ted Cruz vorgab, mit psychometrischen Daten gearbeitet zu haben.

Donald Trumps Kampagne klammern wir an dieser Stelle bewußt aus. Er heuerte CA erst in der heißen Phase seines Wahlkampfs an. Wie die aufgeführten Timelines zeigen, haben die Köpfe seines Kampagnenteams zu diesem Zeitpunkt bereits alle relevanten Vorarbeiten geleistet.

Der Datenskandal – Fassen wir zusammen

Die laufenden Ermittlungen zum Datenskandal müssen nun aufdecken, ob die Verwendung dieser Daten gegen rechtliche Maßgaben im Wahlprozess verstießen und wer zu welchem Zeitpunkt noch Datensammlungen hatte bzw. noch hat. Wir empfehlen jedoch, die Aufarbeitung des Falls Cambridge Analytica nicht mit der Debatte um Facebooks Datensicherheit zu vermischen. Denn machen wir uns nichts vor: Man kann Zuckerberg und seiner Firmenpolitik vieles vorwerfen. Aber es steckt in der Natur des politischen und unternehmerischen Ehrgeiz‘, zur Zweckerfüllung auch unethisch zu handeln, wenn sich die Gelegenheit bietet. Und dafür kann man Facebook nicht verantwortlich machen.

Delete Facebook

Die Aufrufe, nach dem Datenskandal nun Facebook-Accounts zu löschen, sind, milde ausgedrückt, reaktionär, trotzig und infantil. Tatsache ist: Facebook hat eine infrastrukturelle Größe erreicht, die mittlerweile als systemrelevant bezeichnet werden muss. Nüchtern und sachlich betrachtet, steht Facebook auf der einen Seite und agiert wie jeder große Konzern, der auf maximales Wachstum setzt und zu diesem Zweck auch auf ethische Grundsätze verzichtet.

Auf der anderen Seite steht die Politik, die es längst versäumt hat, Regularien zu etablieren. Nicht zuletzt, weil es auf dieser Seite sowohl Nutznießer des Systems Facebook gibt, wie eben auch handlungsschwache Akteure. Und letztere können zwar aktionistisch fordern, müssen aber auch einsehen, dass Facebook die gleichen Rechte  und Freiheiten genießt, wie andere Großkonzerne.

Schlusswort

Schließen wir ab mit einem Meinungsbeitrag der Computer-Legende Jaron Lanier, dem der Datenskandal Anlass gibt. Zwar möchte er auch die Leute ermuntern, Facebook den Rücken zu kehren. Jedoch geht es hierbei nicht um Protest oder Boykott. Es geht darum, das Abhängigkeitsverhältnis zu Diensten wie Facebook, wenn nicht sogar zu Technologie im Allgemeinen, zu beenden und ihre Rolle in unserer modernen, freien und demokratischen Gesellschaft neu zu definieren.

Artikelbild: Book Catalog / www.shopcatalog.com (CC BY 2.0)

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