Waren das nicht wunderbare Zeiten, als noch vor wenigen Jahren jeder Feed frei von KI war? Echte Menschen veröffentlichten echte Gedanken und machten echte Fotos, teilten echte Erfahrungen und gaben echte Likes. Das können die künstlichen Intelligenzen inzwischen unter sich klären und erreichen dabei immer bessere Ergebnisse. Wie und warum soll ein Mensch in solchen Zeiten noch seine Menschlichkeit beweisen?

Echte Nostalgie

Klar, das ist eine sehr schnell gewachsene nostalgische Verklärung. Schon vor fünf, zehn und fünfzehn Jahren gab es nervige Bots und schmerzhaft glattgebügelten Content, der bewies, dass auch Menschen seelenlose Inhalte produzieren können.

Doch jetzt gibt es dafür Large Language Models (LLMs), die quasi auf Kopfdruck kantenlosen Content ausspucken. Sie müssen nur gut gefüttert werden, dann steht der Redaktionsplan samt Inhalt in wenigen Minuten. Die besten Zeiten zum Posten hat die KI auch direkt parat, also kann alles vorgeplant und für die nächsten Wochen die Kanäle sich selbst überlassen werden – Maschinen erledigen den Rest.

Blut, Schweiß und Tränen

Wie bleiben wir als Menschen da überhaupt noch sichtbar? Wie lässt sich menschlicher Content kennzeichnen? Zumindest eine Instanz lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: die KI selbst. „Echtes Blut, echter Schweiß und echte Meinungen“ würden jetzt „im Preis steigen“, ist der Tipp, den ein Textgenerator ungefragt ausspuckt, sobald das Thema angesprochen wird. Echtes Blut und echter Schweiß? Sind wir hier noch im Blog oder schon beim Käfigkampf? Wie krass muss die echte Meinung sein, um auch als echt wahrgenommen zu werden?

Sind Gewalt und Sex wirklich die letzten Bastionen der menschlichen Kreativität, weil die großen LLMs ihre eingebauten Sicherheitsschranken nicht durchbrechen können? Eine kurze, diskrete Recherche zeigt: Nein. Auch in diesen Bereichen gibt es bereits ein blutiges und verschwitztes KI-Angebot, das passable Bilder, Texte und Lieder erzeugt.

Menschlicher Content für echte Bots

Auch Selbstironie scheint die Maschine komplett für sich gekapert zu haben. Werden bei ihr Textbeispiele mit ganz und gar menschlich-schlechten Wortwitzen eingereicht, verkündet sie selbstsicher: „Solche Wortspiele verwendet die KI gerne, um Lebendigkeit vorzutäuschen.“

Dieses breitbeinige Selbstbewusstsein der Maschine kennt kein Ende. Egal, was von menschlicher Hand geschrieben und ihr vorgelegt wird – sinngemäß sagt die KI immer wieder: kann ich auch, aber jetzt gerade bist du als Mensch noch besser darin.

Das gönnerhaft wirkende „noch“ hallt nach und verursacht genervtes Stirnrunzeln. Denn der Zug ist bereits abgefahren und die KI schon jenseits jeder Reiserücktrittsversicherung unterwegs. Die fangen wir nicht mehr ein, die holen wir auch nicht mehr ein. Menschlicher Content droht auf der Strecke zu bleiben.

Selbst ist der Mensch

Also bleibt uns kurz vor der Ziellinie nur noch eine Möglichkeit: die Regeln des Rennens verändern. Wir strafen KI-Inhalte einfach ab, sobald wir sie entdecken. Bei LinkedIn können User seit August über Posts in ihrem Feed entscheiden. „Scheint ein KI-Slop zu sein“, ist jetzt neben „Melden“ eine Funktion, die auf den ersten Blick hilfreich scheint, der Ausgangsfrage aber eine weitere Schwierigkeit hinzufügt.

Nicht die KI-Inhalte an sich werden gemeldet, sondern die von schlechter Qualität. Die, die offensichtlich aus der Dose stammen. Hat die KI nicht vorhin empfohlen, dass wir durch mehr Ecken und Kanten unsere Menschlichkeit beweisen sollen? Wie genau definiert sich dieser Slop? Und wie kann sich menschlicher Content davon abgrenzen?

Hyperoptimierung in der Sackgasse

Ganz einfach: Wir müssen spontan sein, unsere persönlichen Interessen verfolgen und dabei natürlich bleiben. Wer sich herausgefordert fühlt, seinen Content anhand der gleichen Richtlinien zu optimieren, denen letztlich auch die KI folgt, wird sich auf ein frustrierendes Wettrennen begeben.

Der Beweis der eigenen Menschlichkeit gelingt umso besser, je weniger sich auf optimale Ergebnisse fokussiert wird. Denn wer dafür klare Regeln verwendet, begibt sich in die gleiche stromlinienförmige Veredelung, der die KI hinterherjagt. Ob die Algorithmen solche Richtungswechsel belohnen und am Ende nicht doch die Siegesparty der KI den menschlichen Ideen gegenüber bevorzugen, bleibt jedoch abzuwarten.

KI

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert