Eine von der GEMA in Auftrag gegebene Studie sollte die Einnahmen im deutschen Musikstreaming näher beleuchten. Die Ergebnisse sind wenig überraschend. Ein näherer Blick verdeutlicht, dass die Branche einige Revisionen nötig hat.

Musikstreaming in Deutschland

Spotify & Co. verputzen den Kuchen und die Künstler bekommen nur die Krümel, die übrig bleiben: So ist die verbreitete Meinung zur Verteilung der Umsätze aus dem Musikstreaming. Die Ergebnisse einer von der GEMA bei Goldmedia in Auftrag gegebenen Studie [1] relativieren zwar das dramatische Bild des Klischees, bestätigen aber nichtsdestotrotz die eindeutige Tendenz:

  • 30 Prozent der Nettoeinnahmen* verbleiben beim Streaminganbieter.
  • 42,4 Prozent gehen an die Labels.
  • Interpret/-innen und Musiker/-innen können 12,7 Prozent behalten.
  • Urheber, also Komponisten und Texter, behalten 9,7 Prozent der Einnahmen.

*Bruttoeinnahmen minus MWSt, Bruttoeinnahmen entsprechen dem Kaufpreis des Monatsabos.

Quelle: Goldmedia-Analyse

Das heißt, die eigentlichen Musikschaffenden, also Musiker, Interpreten und die Urheber, die Komponisten und Texter, kommen kumuliert auf einen Anteil von 22,4 Prozent. Nicht einmal ein Viertel.

Als Grundlage der Untersuchung diente die Verteilung der Einnahmen aus den monatlichen Abonnements. In dem stetig wachsenden Markt konsumieren 45 Prozent der Deutschen Musik via Streaming. Zwei Drittel der Nutzer sind Abonnenten, also zahlende Kunden der Content-Anbieter. Der Untersuchung zufolge wird

  • Spotify von 28 Prozent der über 14-Jährigen verwendet, vor
  • Amazon Music mit 14 Prozent, sowie
  • Apple Music und SoundCloud mit jeweils 6 Prozent.

Mit einem Anteil von 58 Prozent übertrifft YouTube Music alle. Jedoch wird dieser Kanal überwiegend im kostenlosen Format genutzt, weshalb er für die Ausschüttungen auch nicht berücksichtigt werden kann. Laut einer Statista-Umfrage besteht wohl auch kein breiteres Nutzerinteresse am Premium-Angebot.

Streaming ist gewachsen und dominiert

Die Umsätze in Deutschland werden laut Studie für 2022 auf 2 Milliarden Euro geschätzt. Es wird nicht klar, ob damit die Musikbranche oder der Streaming-Anteil gemeint ist. Dem Bundesverband Musikindustrie (BVMI) [2] zufolge lag das Streaming 2021 bei 1,3 Milliarden Euro und wird laut Prognose [4] 2022 bei 1,37 Milliarden landen.

 

Quelle: Bundesverband Musikindustrie e.V., GfK Entertainment

Musikindustrie ist Streaming-Industrie

Wir haben es mit keinem deutschen Phänomen zu tun, sondern eher mit einer generellen Transformation. Die Dominanz des Streamings unter den digitalen Verkäufen wird vom IFPI Global Music Report 2022 [3] auch für das internationale Geschäft bestätigt. Hier nimmt Deutschland weltweit sogar den vierten Platz hinter den USA, Japan und England ein.

Diese Entwicklung legt nahe, die Branche grundsätzlich anders zu bewerten. Ist die Musikindustrie gleichbedeutend mit dem Musikstreaming? Nur anhand des Gesamtvolumens aller Umsätze betrachtet: ja. Aber daran wird die Größe von Branchen nun einmal gemessen.

Quelle: IFPI Global Music Report 2022

Wandel einer Industrie

Der Hinweis auf die Dominanz des Streamings in der Musikindustrie ist wichtig, weil das Streaming die Art der Verbreitung, Vermarktung oder eben auch der Vergütung verändert. Zwei Aspekte, welche die Studie hervorhebt, verdeutlichen diesen Kulturwandel: Einerseits das Verhältnis der Beteiligung zwischen Urhebern und Vertretern des Leistungsschutzrechts. Zum anderen die Verwendung und der Einsatz von Playlists und Algorithmen.

Song vs. Aufnahme

Streaming orientiert sich bei der Gewichtung der vergüteten Rechte an den klassischen Modellen der Musikverkäufe, also CDs oder Downloads, wo Urheberrechte (Song) gegenüber Leistungsschutzrechten (Aufnahme/Produktion) eher benachteiligt wurden. Faktisch operiert das Streaming durch die Relevanz und die Art der Verbreitung und Gestaltung von Playlists eher wie Radio-Formate: Während Urheber für die Nutzung ihrer Werke im Radio den Labels und Produzenten gleichgestellt sind, bekommen sie im Streaming aber lediglich ein Fünftel des Kuchens. ([1] S 67ff)

Quelle: Goldmedia-Analyse, S. 70 (pdf)

Es geht aber auch anders: Auf dem US-amerikanischen Markt bestimmt das staatliche Copyright Royalty Board (www.crb.gov) die Vergütungssätze von Urhebern und Verlagen durch das Streaming. Zur Berechnung zieht das CRB zum einen die Gesamteinnahmen der Streamingdienste heran und bewertet andererseits die Streaming-Erlöse der Leistungsschutzrechte-Empfänger, also der Labels. Durch diese Entscheidung des CRB im Jahre 2018 erhalten Urheber 15,1 Prozent der Gesamteinnahmen der Streamingdienste sowie 26,2 Prozent der Streamingerlöse der Labels.

Algorithmen

Zu den Eigenheiten des Streamings gehört auch die technische Verflechtung der Dienste und ihrer Apps in der Social-Media-Ökosphäre. Auch hier weist die Studie auf den enormen Einfluss der Playlists auf die Ausspielungszahlen hin ([1] S. 100ff) und wie dieser Umstand vom Faktor Algorithmus abhängig ist. Speziell am Beispiel Spotify: Die stärksten Playlists werden durch die Anbieter selbst verbreitet und wie Künstler dabei auffindbar werden, bleibt weitestgehend intransparent.

Ganz intransparent aber doch nicht: Seit 2020 ermöglicht Spotify, dass sich Labels ins Autoplay der Discovery-Funktion einkaufen. Der Streaming-Riese lässt sich also eine algorithmische Bevorzugung noch zusätzlich bezahlen. Diese Praxis wird aus gutem Grund von Urhebern wie Labels gleichermaßen kritisiert: Wenn sich dieses Modell auch bei anderen Diensten als notwendig durchsetzt, ist nicht abzusehen, wie sich Kosten und Tantiemen in Zukunft gestalten werden. Sprich: Es bleibt noch weniger für alle übrig – außer für die Streamingdienste.

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Wie geht es weiter?

Die GEMA muss sich die Kritik gefallen lassen, zu lange überhaupt nichts getan zu haben. Aus diesem Grund ist Streaming auf der diesjährigen Mitgliederversammlung vielleicht auch das Schwerpunktthema gewesen. In dem beschlossenen 11-Punkte Plan (hier) wird angeregt, dem englischen Ansatz zu folgen. 2020 hat ein Komitee des Unterhauses begonnen, das Thema einer gerechten Vergütung und fairen Arbeitsbedingungen auf die politische Agenda zu bringen.

Wir hoffen, dass der schwarze Peter nicht nur an die Streamingdienste weitergegeben wird. Die Studie konzentrierte sich natürlich primär auf Spotify & Co. Wie stark Künstler und Urheber jedoch an den Einnahmen beteiligt werden, wird auch in den Verträgen der Labels entschieden. Und viele dieser Verträge orientieren sich an Gepflogenheiten, die mittlerweile obsolet oder oder sogar unangemessen sind. Sie orientieren sich noch an einer Branche, die es so faktisch schon lange nicht mehr gibt.

Links:

Artikelbild: Logan Weaver / unsplash

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