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Fitness-Tracker – Cool, hip, nützlich?

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Der Frühling scharrt mit den Hufen und aktive Konsumenten schnüren die Joggingschuhe. Laut dem Bitkom bindet sich mittlerweile ein Drittel der werberelevanten Kundschaft auch Fitness-Tracker um Brust und Handgelenke und macht sich damit zum gläsernen Ziel von Werbetreibenden und Versicherern. So nützlich die digitalen Sportsfreunde sein können, sie gehen auch sorglos mit unseren Daten um. Und obendrein droht uns, durch unpräzise Messwerte versicherungsrelevant bewertet zu werden. Hier, was Sie zum Thema Fitness-Tracken unbedingt wissen sollten.

fitness-tracker gadget fitbit jawboneWie steht es um die technische Sicherheit?

Im letzten Jahr hat der Sicherheitsdienst AV-Test die Sicherheit von sieben verschiedenen und beliebten Modellen in drei Kategorien getestet: Verbindung zwischen Wearable und Smartphone, Authentizität und Unversehrtheit der gespeicherten Daten innerhalb der App und die (Online-)Kommunikation zum synchronisierenden Dienstanbieter. Obwohl alle Produkte gewisse Sicherheitsmaßnahmen einsetzen, kam der Test zum Urteil, dass es bei jedem der getesteten Geräte an einem qualitativen Produktionsstandard mangele. Alle Tracker haben eklatante Sicherheitsmängel und dabei handelt es sich nicht um Erbsenzählerei, sondern wirklich um relevante Schwächen.

Wie verwundbar ist die Kommunikation?

Eine Studie der TU Darmstadt kommt zu ähnlichen Ergebnissen und mahnt diese Mängel noch etwas konkreter an: Die Untersuchung nahm 17 Geräte namhafter und weniger namhafter Anbieter unter die Lupe. Dabei konzentrierte man sich auf die Sicherheit nach außen, also auf die Frage, wie angreifbar die Daten zwischen Nutzer und Server des Anbieters sind. In allen Fällen ist es den Testern gelungen, die Daten zu manipulieren. Dabei war der Aufwand nicht mal sonderlich hoch. Und auch hier folgte wieder die Forderung nach notwendigen Mindeststandards, die bei allen Geräten fehlten.

Wie genau sind die ermittelten Daten?

Es gibt dokumentierte Fälle, in denen der Tracker Normalwerte zeigte, faktisch jedoch eine gefährlich hohe Frequenz vorlag. Es gibt andere dokumentierte Fälle, in denen der Tracker Ärzten hilfreiche Daten lieferte und schlimmeres verhindern konnte. Und es gibt Ärzte, die Fitness-Tracker gezielt einsetzen und durchaus Potential sehen. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass die Daten zu ungenau sind, um wirklich für medizinische Zwecke verwertbar zu sein. Auch Fans und Evangelisten der tragbaren Biometrie streiten nicht ab, dass die Datenmessung weit davon entfernt ist, genau Werte zu liefern. Aber darauf könnte es ankommen, wie wir später sehen werden.

Game-Changer oder Ernüchterung?

Ein wichtiges und durchaus valides Argument der Befürworter lautet, dass die Daten nicht zwingend genau sein müssen, um ihren Zweck zu erfüllen. Immerhin könnten die Gadgets auch motivieren, sich mehr zu bewegen und so helfen, beispielsweise ein Programm zum Abnehmen diszipliniert zu befolgen. Eine komplexe Studie aus dem Journal of the American Medical Association (JAMA) wollte das genauer wissen und fragte, ob Fitness-Tracker beim Versuch, Gewicht zu verlieren, helfen können. Ergebnis: Die Wearable-Nutzer verloren weniger Gewicht als die Vergleichsgruppe, die mit traditionellen Methoden arbeitete. Also, wer sich von Fitness-Trackern die Erfüllung guter Neujahrsvorsätze erhofft, muss enttäuscht werden. Es sind keine Wundergeräte.

Wert der Daten

Über welche Daten sprechen wir denn? Welche personenbezogenen Informationen meiner Fitness-Tracker-Akte entnommen werden können, wird bereits in den AGB erklärt – hier exemplarisch die JawboneUP-App. Dort finden wir dann

  • Personendaten wie Vor- und Nachname, E-Mail-Adresse, Postanschrift, Geschlecht, Größe, Gewicht, Geburtsdatum und ein hübsches Foto,
  • Herzfrequenz und andere biometrische Daten,
  • Informationen zum Schlafmuster, verbrauchten Kalorien, Aktivitäten und Trends,
  • möglicherweise auch Informationen zu bestimmten Krankheiten.
  • Die UP-App trackt auch den genauen Standort und Bewegungsmuster, und
  • die Daten werden neun Monate gespeichert.

Das sieht oberflächlich nach einem bunten Strauß wertvoller Gesundheitsdaten aus. Aber faktisch haben wir es hier eher mit Vanity Metrics zu tun, also oberflächlichen Messwerten, die wenig Aussagekraft besitzen. Zudem ist nicht bekannt, auf welchem Wege, mit welchen Methoden die Analysen erstellt werden. Der Unterschied zu medizinisch verwertbaren Daten ist ähnlich dem zwischen einer meteorologischen Messstation und einer Windfahne auf dem Dach. Und an dieser Stelle entbrennt ein Streit über Wert und Verwertbarkeit, der ins Politische geht und damit jeden Verbraucher betreffen kann.

Mahner, Lobbyisten und der Datenschutz

Krankenkassen begrüßen die Sammellaune der Bevölkerung, sehen eine Aufwertung des gesamten Datenbildes der Kunden/Patienten, möchten gerne die Informationen einer elektronischen Krankenakte beifügen und geben jetzt schon Boni für freiwillig bereitgestellte Tracker-Daten von Versicherten. Das findet Befürworter aus der Politik, ruft aber ebenso Kritiker auf den Plan. Einerseits Ärzte, die die Ungenauigkeit der Daten bemängeln und andererseits den Justizminister. Der mahnt, dass bestimmte Informationen, die Rückschlüsse auf Bürger zuließen, einfach nicht auf den Datenmarkt gehören.

Bei den Gesundheitsdaten der Wearables handelt es sich um personenbezogene Daten im Sinne von § 3 Abs. 9 Bundesdatenschutzgesetz, die höheren Schutzmaßnahmen unterliegen. Während die Nutzung der Tracker noch unproblematisch ist, zumal der Verbraucher selbst die Messungen vornimmt, wird es an der Stelle problematisch, wenn diese Daten eben das Smartphone verlassen und an Dritte versendet werden – was so gut wie immer geschieht. Dafür braucht der Anbieter nach § 4/ §4a Abs.3 BDSG die Einwilligung des Nutzers.

Anbieter sichern sich umfangreiche Rechte

Welche Rechte sich die Anbieter durch diese Einwilligung dann sichern, hat der Bundesverband der Verbraucherzentralen untersucht und kam zu dem Schluss,

„…dass sich die Anbieter in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen umfassende Rechte hinsichtlich der Nutzerdaten einräumen. Danach dürfen diese bei einzelnen Diensten unter anderem auch zu Werbezwecke verwendet und an nicht weiter definierte Dritte weitergegeben werden. Aus körper- und gesundheitsbezogenen Daten in Kombination mit bestimmten Verhaltensmustern lassen sich sehr genaue Rückschlüsse auf die jeweilige Person ziehen. Dass der 35-jährige Hans Müller aus Hamburg, der mit seinem Samsung-Handy mit der Gerätekennung 12341a5b6c7890 und dem Betriebssystem Android 4.2 über das Mobilfunknetz der Telekom telefoniert und im Internet surft und jeden Morgen bei einem Pulsschlag von 130 seine 10 Kilometer an der Alster entlang joggt, um weitere 5 Kilogramm an Gewicht zu verlieren und seinen Body-Mass-Index von 30 weiter zu reduzieren, ist nicht nur für den eigenen Diensteanbieter von Interesse, sondern weckt unter Umständen auch Begehrlichkeiten Dritter, wie Werbeunternehmen, Krankenkassen oder Versicherungen.“

Ein Plädoyer gegen Fitness-Tracker?

Wir haben das Gefühl, als läge hier wieder ein klassisches Missverständnis vor. Fitness-Tracker finden ihren funktionalsten Einsatz im Leistungssport. Und die Erfahrung zeigt, dass sie dort sehr nützliche Dienste leisten. Aber dort beschränkt man sich auch nicht auf schicke Armbänder und Apps. Es hat wieder einmal den Anschein, als würde man dem Hobbyhandwerker vermeintliches High-End Werkzeug anbieten, für welches er aber kaum die gedachten Einsatzmöglichkeiten hat. Und selbst bei solchen Einsätzen halten sie den Anforderungen nicht stand.

Aber im privaten Alltag können die Tracker auch durchaus sinnvoll eingesetzt werden – sowohl für den Sport nach Feierabend, als auch beim Fußmarsch in den Supermarkt. Man darf nur keine Wunder erwarten und muss akzeptieren, dass die Gadgets eben nur Werte Pi mal Daumen liefern. Auch wenn für manche Zwecke eine grobe Windrichtung völlig ausreicht.

Demgegenüber stehen aber die Schattenseiten. Die Technik ist unsicher, es fehlen Mindeststandards, wir wissen nicht, was alles mit unseren Daten gemacht wird und die ermittelten Messwerte sind für eine Bewertung unseres wahren Gesundheitszustandes nicht brauchbar. Trotzdem steht die Gefahr ins Haus, dass diese wackelige Datenbasis Einfluss auf unseren Status als versicherter Verbraucher nimmt. Und da hört der Spaß auf.

 

Artikelbild: Press Kit fitbit.com

 

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